Mittwoch, 18. Februar 2026

Karate und der Marshmallow-Test

Warum beim Üben auf dem Karate-Do nicht das Lustprinzip gelten sollte


Artikel zur Frage, wie man durch Karate-Do die Willensstärke bei Kindern fördern kann

(zum Lesen auf den Link klicken)







Sonntag, 16. November 2025

"Warum hast du dich nicht gewehrt?" - über mögliche Besonderheiten bei Frauen und Mädchen in der Selbstverteidigung

 "Warum hast du dich nicht gewehrt?", "Ich war wie erstarrt und konnte nichts machen!" - Sätze wie diese sind oft zu finden, wenn Mädchen und Frauen in Situationen, in denen sie angegriffen oder belästigt wurden, keine Gegenwehr geleistet haben. In Selbstverteidigungskursen wird dann oftmals an einem Wochenende versucht, den Mädchen und Frauen körperliche Abwehrmöglichkeiten beizubringen. Abgesehen davon, dass kurzzeitige Selbstverteidigungskurse ohnehin nur selten einen nachhaltigen Effekt haben, gibt es auch noch andere Gründe, warum es nur schwer möglich ist, Mädchen und Frauen für den Eigenschutz dieselben Methoden beizubringen wie Jungs und Männern. 

Das Möglichkeitenrepertoire im Fall einer Situation, in der wir Angst empfinden, kann nämlich möglicherweise vom Geschlecht abhängen bzw. von den biologischen Reaktionen, die im Körper einer angegriffenen Person ablaufen. Die Wissenschaft setzt Angst mit Stress gleich, da Angst und Stress im Körper dieselben Reaktionen bewirken. Dass diese bei Frauen und Männern bzw. Mädchen und Jungen unterschiedlich sein könnten, habe ich erstmals im Rahmen der Ausbildung zur geprüften Trainerin für Selbstverteidigung an der ILS Akademie erfahren. Der Dozent, Armin Hutter, schrieb in Studienheft 7 auf Seite 27 von Unterschieden in er Stressreaktion bei Männern und Frauen und hier speziell vom Unterschied bei der Adrenalinausschüttung: Bei Männern erfolge die Ausschüttung von Adrenalin im Fall einer Stresssituation unmittelbar und in großem Ausmaß, während bei Frauen dieser Vorgang zeitversetzt und in Schüben erfolge. Bei Männern würde die Ausschüttung nur wenige Minuten andauern - bei Frauen deutlich länger und der Adrenalinspiegel baue sich bei ihnen langsamer ab. Dies habe evolutionsbedingte Gründe: Da es bei unseren Vorfahren Aufgabe der Männer war, für den Schutz der Frauen und Kinder zu sorgen, müssten Männer schnell kampfbereit sein. Erst wenn die Männer besiegt waren, hätten die Frauen kämpfen müssen. In der Zwischenzeit habe die Frau noch die Möglichkeit gehabt, sich um den Nachwuchs zu kümmern und diesen in Sicherheit zu bringen, bevor sie tatsächlich kämpfen musste. Nun, das las sich für mich sehr logisch und konnte mir die eingangs beschriebenen Situationen erklären. Es erklärte auch, warum Frauen oftmals Probleme haben, sich nach einer stressigen Situation wieder zu beruhigen, warum sie länger brauchen, um wieder "runterzukommen". Es klang so logisch, dass ich dieses Thema oft und gerne in meinen Kurs-Konzepten erwähnte. 

Im Laufe der Jahre entwickelte ich zahlreiche Eigenschutzkonzepte für verschiedene Personengruppen und hinterfragte im Verlauf der Konzepterstellung meine Inhalte immer wieder. Irgendwann machte ich mich auf eine wissenschaftliche Quelle, die die These aus der ILS-Ausbildung belegen könnte. Aber das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Der Kurs-Dozent nannte mir eine Quelle, die nach einer Prüfung aber nicht passte! Es gab dort zwar eine Grafik mit einem auf unterschiedliche Hormonausschüttung beruhenden Erregungslevel bei Männern und Frauen, welches zu dem im Studienskript dargestellten Modell passte - allerdings ging es im Buch nicht um eine Stress- oder Angstreaktion, sondern um sexuelle Erregung. Auf der Suche nach weiteren Quellen befragte ich eine befreundete Neurologin, die als leitende Ärztin an einem Züricher Krankenhaus tätig ist. Sie fand das Thema sehr interessant, konnte aber spontan auch keine Daten liefern. Sie merkte an, dass die Studienlage in Bezug auf die weibliche Biologie/Neurologie leider noch sehr dürftig sei. Die meisten Versuche würden mit männlichen Labortieren durchgeführt. Auch wenn mich das Thema nicht losließ, so ließ sich doch zunächst keine weitere Datenlage zur Bestätigung der interessanten These zur unterschiedlichen Wirkung von Stresshormonen finden. 

Dies änderte sich nun, als ich in einem Modul meines aktuellen Studiums der Kommunikationspsychologie an der IU auf eine Ausarbeitung von Shelley Taylor et al. aus dem Jahr 2000 stieß! Und siehe da - Taylor et al. wurde auch als Quelle in dem ILS-Skript genannt - und zwar zu dem Thema Tend an Befriend. 


Um diesen Begriff einzuordnen, hole ich mal etwas aus und mache einen kleinen Exkurs in die Forschungsgeschichte zu akuten Stressreaktionen: Wohl alle kennen wir die Beschreibung Fight or Flight (also: Kampf oder Flucht) als Stressreaktion in gefährlichen Situationen. Bereits vor über 100 Jahren hatte der Psychologe Walter Cannon diese damals noch recht eingeschränkte Wahlmöglichkeit im Verteidigungsfall geprägt. Cirka 70 Jahre später ergänzte der Psychologe Jeffrey Alan Grey die Reaktionsoptionen um zwei weitere Begriffe, so dass sie nun Freeze, Flight, Fight, Fright lauteten. Die beiden bekannten Begriffe Flucht und Kampf sind eingerahmt von zwei Terminologien, die beide einen Zustand der Immobilität bezeichnen: Unter Freeze ist ein Erstarren im Sinne einer kurzen Regungslosigkeit zu verstehen beim Gewahrwerden einer gefährlichen Situation. Diese Taktik hilft vor allem in Gegenwart von Tieren, die auf Bewegungsreize reagieren und verschafft möglicherweise einen kurzen Moment, in dem überlegt werden kann, welche weiteren Optionen der Gegenwehr gewählt werden könnten. Die andere Immobilitätsreaktion ist Fright. Hierunter versteht sich ein biologisches Notfallprogramm des Körpers unter Furcht: Durch eine Art Totstellreflex soll dem Angreifer signalisiert werde, dass hier keine weitere Gewaltanwendung nötig ist. Im Jahr 2000 beschrieb die Psychologieprofessorin Shelley Taylor mit Tend and Befriend eine weitere Reaktionsvariante: Auch Tend and Befriend basiert auf dem Verhaltensrepertoire unserer Vorfahren und auch aus dem Tierreich. Es umschreibt vor allem das Verhalten von Frauen oder weiblicher Säugetiere, die sich überwiegend um die Aufzucht des Nachwuchses gekümmert haben. Der Begriff "Tend" umschreibt das Kümmern: Ruhe bewahren, den Nachwuchs versorgen, sich der Umgebung unauffällig anpassen - das alles kann wirksam sein, um einer Vielzahl von Bedrohungen zu begegnen. Im Gegensatz dazu könnte eine Kampfaktion das Weibchen selbst und auch den Nachwuchs gefährden. Eine Flucht würde unter Umständen bedeuten, den Nachwuchs zurückzulassen. Tend, also: Kümmern, war dann auch eine erste für weibliche Säugetiere und Frauen erforschte Stressreaktion! Unter Befriend ist das Knüpfen von sozialen Kontakten und das Bilden von Gruppen zu verstehen, bei denen sich die Gruppenmitglieder gegenseitig unterstützen. Taylor vermutet, dass Frauen oder weibliche Säugetiere unter Stress selektiv Gruppen bilden, um dort Unterstützung zu finden. 

Aber wie kommt es zu dieser überwiegend bei Frauen und weiblichen Säugetieren genutzten Verhaltensvariante? Und hier kommen nun wieder Nerven und Hormone ins Spiel - oder besser gesagt: neuroendokrine Zusammenhänge! Das neuroendokrine System beschreibt Zusammenhänge zwischen dem Nervensystem und dem Hormonsystem. Taylor suchte im Rahmen ihrer Studie nach Belegen für die Behauptung, dass das Kampf-Flucht-Konzept bei Frauen geringer ausgeprägt sei als bei Männern. Nach Auswertung verschiedener wissenschaftlicher Quellen kam sie zunächst zu dem Schluss, dass sich der grundlegende neuroendokrine Kern der Stressreaktion bei Männern und Frauen nicht unterscheidet: Bei beiden wird in Stresssituationen ein Sturzbach an hormonellen Reaktionen ausgeschüttet: Adrenalin und Noradrenalin aber auch Oxytocin, Cortisol und weitere Hormone. Durch diesen Hormoncocktail werden Männer und Frauen und auch männliche und weibliche Säugetiere mobilisiert, um den kurzzeitigen Anforderungen von Stress gerecht zu werden. Allerdings sind, wie bereits oben beschrieben, die Voraussetzungen für Frauen und weibliche Säugetiere vor allem während der Aufzucht des Nachwuchses oder auch während Schwangerschaft und Stillzeit anders als die bei Männern oder männlichen Säugetieren. Taylor vermutet daher eine Anpassung der weiblichen Verhaltensweisen an ihre Lebensumstände: Sie vermutet, dass ein Zusammenspiel aus Nervensystem und Hormonen Mechanismen entwickelt hat, die die Tendenz zu kämpfen oder zu fliehen hemmt und stattdessen das Kümmern und Befreunden fördert! Sie vermutet, dass bei männlichen Säugetieren oder bei Männern vor allem Androgene (das sind Hormone, die bei er Ausprägung der männlichen Geschlechtsorgane eine wichtige Rolle spielen) die Entwicklung aggressiver Verhaltenstendenzen im männlichen Gehirn maßgeblich fördern und dann aggressives Verhalten in spezifischen Bedrohungssituationen aktivieren. Hierbei spielt Testosteron eine große Rolle. Männliche Lebewesen reagieren häufig bereits auf die Anwesenheit anderer männlicher Lebewesen aggressiv, während Frauen oder weibliche Säugetiere überwiegend nur in ganz speziellen Situationen ein Angriffsverhalten zeigen, nämlich wenn es wirklich etwas wichtiges (z. B. den Nachwuchs) zu verteidigen gibt. Während bei männlichen Säugetieren und Männern ein hoher Testosteronspiegel in Stresssituationen für aggressives Verhalten sorgen kann, kann bei weiblichen Säugetieren / Frauen durch Ausschüttung der Hormone Östrogen und Oxytocin eine Gegenregulation entstehen. Oxytocin ist auch als "Kuschelhormon" bekannt - es wird bei körperlicher Nähe ausgeschüttet und verstärkt die Entspannung, hat sogar einen sedierenden Effekt. Eine Verbindung aus Östrogen und Oxytocin hat zudem eine angsthemmende Funktion: Bei Versuchen mit Ratten hat man herausgefunden, dass die Weibchen auf akuten Stress weniger stark mit Angst (Fright-Erstarren) reagierten als männliche Ratten. 

Taylors Studie beleuchtet noch weitere Feinheiten und Abstufungen, die alle sehr spannend sind, hier aber den Rahmen des Essays sprengen würden. Ich habe die Studie unten für weitere Informationen verlinkt. 

Die Frage ist nun: Wie gehen wir in Selbstverteidigungskursen mit diesem Wissen um? Im ILS-Studiengang "Geprüfte Trainerin für Selbstverteidigung" ist vermerkt, dass Tend and Befriend in der Selbstverteidigungslehre noch keine große Rolle spielen. Mir fällt spontan aber eine Geschichte aus dem Leben meiner Mutter ein, wo das "Kümmern" vermutlich vielen Frauen das Leben gerettet hat: Meine Mutter war mit ihrer Familie und Nachbarschaft Ende des Krieges vor russischen Soldaten gen Westen geflohen. In dem Konvoi meiner Mutter hoffte man, dass die Soldaten Frauen in Ruhe ließen, die kleine Kinder auf dem Arm hielten. Jede der Frauen und Mädchen hatte daher möglichst ein Kleinkind auf dem Arm und immer wenn sich ein russischer Soldat näherte, bekamen die Kinder die Anweisung, herzerweichend zu weinen, damit die Soldaten die Mädchen und Frauen in Ruhe ließen. Das half tatsächlich und die Frauen wurden nicht belästigt oder vergewaltigt. Gelegentlich fragte sogar ein Soldat nach dem Grund des Weinens und wenn man andeutete, das Kind habe Hunger, kam es vor, dass der Soldat verschwand und kurz darauf mit etwas zu essen wiederkam. Hier sehe ich grade noch eine Komponente, die Taylor gar nicht berücksichtigt hatte: Mitleid! Die Soldaten hatten offenbar Hemmungen, Mädchen und Frauen zu berühren, die mit dem Trösten eines Kleinkinds beschäftigt waren - zudem wurde den Kindern noch etwas zu Essen gereicht! Vielleicht gibt es Eigenschutz-Szenarien, in denen dieses Wissen nutzbar gemacht werden kann. Ich werde dieses Thema in der nächsten Zeit weiter verfolgen.

Zu Befriend steht im Studienskript der Ansatz, dass das Bilden von Gruppen im Selbstverteidigungsfall eine gute Strategie sein kann, bevor es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Taylor hält fest, dass Frauen sich eher zur Gruppenbildung entscheiden als Männer und dass sie sich dann eher Frauen anschließen, als Männern. Auch der Grund, warum Männer oder Frauen Gruppen bilden, ist unterschiedlich: Männer bilden vergleichsweise größere Gruppen, etwa zur konkreten aggressiven Verteidigung bis hin zur Kriegsführung, während Frauen eher kleinere Gruppen bilden und hier eher sozioemotionale Bindungen im Vordergrund stehen. Taylor beschreibt einige konkrete Vorteile der Gruppenbildung im Verteidigungsfall: In einer Gruppe gibt es mehr Augenpaare zum Erkennen potenzieller Gefahren. Zudem könnten Angreifer*innen eher dazu neigen, eine einzelne Person anzugreifen als eine Gruppe von Personen, denn eine Gruppe ist insgesamt wehrhafter als eine Einzelperson. Zudem kann eine Gruppe für Verwirrung sorgen: Wir eine größere Gruppe angegriffen, kann die Gruppe sich in alle Himmelsrichtungen auflösen - diese paradoxe Intervention kann zu einem Zeitgewinn führen, der es den Gruppenmitgliedern ermöglicht, zu entkommen, bevor sich die angreifende Person auf ein Gruppenmitglied konzentriert hat. Gruppenbildung gehört bereits jetzt zu meinen Trainingsinhalten: Ich empfehle z. B. Personen, die alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln abends unterwegs sind, sich beim Aussteigen mit einer Person ihres Vertrauens zusammenzutun und einen Teil des Weges - z.B. bis zu einer belebten Hauptstraße - gemeinsam zu gehen. Oder in Zivilcourage-Trainings wird empfohlen, sich mit anderen Personen zusammenzuschließen, bevor in eine Auseinandersetzung eingegriffen wird. Hier reicht oftmals bereits die Präsenz vieler Personen, um einen Kampf zu beenden, so dass keine körperliche Intervention erforderlich ist. Insgesamt werde ich künftig auch Jungs und Männern Mut machen, bei drohender Gefahr Unterstützung zu suchen und Gruppen zu bilden. 

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass im ILS-Skript noch die Strategien Submit (sich ergeben) und Posture (posieren) enthalten sind. Das Ergeben kann z. B. bei Dominanzkämpfen Sinn machen. Das sind meist Kämpfe unter Jugendlichen oder jungen Männern, bei denen es um einen Statusgewinn geht. Posture ist quasi das Gegenteil: Einer der Kontrahenten "plustert" sich auf und erhöht dadurch seinen äußeren Status, um zu beeindrucken und den anderen ggf. schon zum Aufgeben zu veranlassen. 

https://podlichkipper.blogspot.com/2012/11/meine-mutter-flucht.html

Quelle: Biobehaviorale Stressreaktionen bei Frauen: Fürsorge und Zuwendung statt Kampf-oder-Flucht Taylor et. al

Studienheft Nr. 7 - Geprüfte/r Selbstverteidigungstrainer/in, ILS Akademie, Autor: Armin Hutter

https://www.ils.de/fernkurse/selbstverteidigungstrainer/

Dienstag, 7. Oktober 2025

Karate Do fördert soziale Kompetenzen (nicht nur) von Kindern

Karate Do fördert soziale Kompetenzen (nicht nur) von Kindern  








Dass Karate Do gut für die körperliche und geistige Entwicklung für Menschen allen Alters ist, wurde schon vom Begründer des modernen Karate, Gichin Funakoshi Sensei, beschrieben. Über die positiven Auswirkungen auf die Entwicklung von Resilienz hatte ich mir selbst bereits einmal Gedanken gemacht (https://andreahaeusler.blogspot.com/2023/12/machs-mir-schwer-dann-nehm-ichs.html).


Und nun stieß ich auf interessante Ausführungen im Essay Soziale Kompetenzen von Birgit Reißig, die mich darüber nachdenken ließen, welche Einflüsse Karate Do genau auf die Förderung sozialer Kompetenzen hat.


Bevor es aber um die positven Einflüsse des Karate Do geht, möchte ich kurz erklären, was soziale Kompetenzen sind und warum sie so bedeutsam sind. Dass dies gar nicht so einfach ist, lässt sich daran erkennen, dass schon der Begriff “Kompetenz” wissenschaftlich nicht eindeutig definiert ist. So können beispielsweise die Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person mit dem Begriff gemeint sein. Auch wenn jemand viel über ein Fachgebiet weiß, gilt er oder sie als “kompetent”. Kompetenz ist insgesamt eine gute Voraussetzung dafür, in bestimmten Situationen ein bestimmtes – bestenfalls: erwünschtes – Verhalten zeigen zu können. Wer über Kompetenz verfügt, verfügt nämlich oftmals über eine gute Selbstwirksamkeit, um bestimmte Ziele zu erreichen und bestenfalls auch zwischen verschiedenen Lösungsvarianten auszuwählen und einen einmal eingeschlagenen Lösungsweg auch zu evaluieren und variieren. Kompetenz kann demnach auch eine bestimmte Flexibilität ermöglichen. Hiermit können einerseits die Fähigkeiten gekoppelt sein, andere um Rat und Hilfe zu bitten - aber auch selbst tatkräftig an der Erreichung von Zielen zu arbeiten. 


Auch für den Begriff der sozialen Kompetenz gibt es keine einheitliche Definition. Das Wort “sozial” deutet darauf hin, dass sich soziale Kompetenz auf das Zusammenspiel mit anderen Personen bezieht, auf die angemessen ausgefüllten Rollen einer Person in einer Familie, in einem Team, einer Schulklasse – in der Gesellschaft. Wer als sozial kompetent gilt, verfügt im Allgemeinen über Fähigkeiten, erfolgreich zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten und Einfluss auf andere Personen zu nehmen. Beste Voraussetzungen also, um ein erfülltes und zufrieden stellendes Leben zu führen! Nun stellt sich die Frage, über welche Eigenschaften ein Mensch verfügen muss, um sich sozial kompetent zu verhalten. Die Fachliteratur nennt hier drei wesentliche Eigenschaften: 


  • Durchsetzungsfähigkeit
  • Anpassungsfähigkeit
  • Kompromiss oder Wechsel zwischen Anpassung und Durchsetzung


Stark werden, laut sein, sich körperlich durchsetzen beim Ringen und Raufen, Hindernisse überwinden, Schwierigkeiten überwinden, im Kumite dominieren, eine Kata selbstsicher vorführen, um sich bei Wettkämpfen durchzusetzen, allgemein: sich entwickeln wollen, an sich arbeiten wollen - das sind Übungsfelder der Durchsetzungsfähigkeit, die bereits Kinder im Karate lernen! Und schlussendlich gehört auch das Durchsetzen gegenüber dem inneren Schweinehund dazu, so dass man auch zum Training erscheint, wenn man eigentlich keine Lust hatte! Wenn man Eltern fragt, melden viele ihre Kinder beim Karate an, damit sie genau diese Formen der Durchsetzungsfähigkeit kennenlernen und sich aneignen.


Aber es gibt auch genau entgegengesetzte Interessen: Eltern von Kindern, die ständig über die Stränge schlagen, denen es schwer fällt, sich zurückzunehmen, sich zu konzentrieren, Regeln einzuhalten. Diese Eltern wünschen sich, dass wir den Kindern im Karate Respekt und Disziplin beibringen, sie lehren, sich an Regeln zu halten, kurz: sich in sozialen Gruppen anzupassen. Anpassungsfähigkeit ist neben der Durchsetzungsfähigkeit ein weiteres großes soziales Lernfeld im Karate: Kinder lernen, nicht ungestüm durch die Dojo-Tür zu stürmen, sondern an der Schwelle kurz innezuhalten und sich zu verneigen. Auch die Verneigung vor einer Partnerin oder einem Partner vor Beginn einer gemeinsamen Übung gehört dazu. Die Kinder erfahren, dass sie auch vor Trainingsbeginn nicht wild im Dojo umherlaufen sollen, sondern sich stattdessen möglichst ruhig auf ihre Plätze begeben und der ruhigen Atmosphäre im Dojo anpassen sollen. Ein weiterer Anpassungsprozess besteht in dem Zeigen von Respekt bzw. in der Rücksichtnahme auf die Interessen anderer. Hier können die Interessen er ganzen Trainingsgruppe und auch der Trainerin / des Trainers gemeint sein: Indem ein Kind pünktlich erscheint und nicht durch Zuspätkommen den Unterricht stört, oder indem es keine unnötigen Trink- oder Toilettenpausen einfordert - allgemein: indem es sich zurücknimmt im Sinne der Gruppe. Aber auch in Bezug auf eine Trainingspartnerin / einen Trainingspartner - speziell gegenüber einer kleineren, schwächeren Personen oder Personen, die auf dem Karte Weg noch nicht so weit fortgeschritten sind, ist Rücksicht gefordert. Nur so kann gemeinsam eine Übung durchgeführt werden. Statt zu zeigen, wie stark man schon ist und damit eine andere Person zu überfordern, nimmt man sich zurück und fördert damit den Lernprozess auf beiden Seiten. 


Phasen, in denen im geschützten Raum des Dojos Durchsetzungskraft gefordert ist, wechseln sich permanent ab mit Phasen der Anpassung. Durch diese ständigen Wechsel erlangen Kinder ein Gespür dafür, was im Dojo, im Karate-Unterricht grade angemessen ist. Dieses im Karate-Unterricht erworbene Bewusstsein für unterschiedliche Anforderungen an die physische und psychische Präsenz sowie an das eigene Tun oder Unterlassen bildet die Grundlage für einen hohen Grad an sozialer Kompetenz, die sich nach und nach auch auf das Leben außerhalb des Dojos übertragen lässt. 


Es ist nie zu spät, um mit Karate Do zu beginnen, um dadurch soziale Kompetenz zu erlangen oder zu steigern. Je früher jedoch besonders Kinder in Kontakt mit dem Regelwerk des Karate Do und mit der besonderen Atmosphäre eines Karate-Dojos kommen, desto tiefer und intensiver können die Regeln, Rollen, Rituale und Routinen für die Ausbildung eines Selbstbewusstseins sorgen, das es ermöglicht, sich verschiedenen Lebenslagen sozial kompetent zu verhalten.


Siehe z.B. Karatedō Kyōhan – Lehrmuster des Weges der leeren Hand, Kristkeitz Verlag


Siehe Veröffentlichung meines Artikels im Auszug Newsletter des DJKB über diesen Link: https://karateschule-muenster.de/wp-content/uploads/2024/04/Artikel_Resilienz-JKA_Magazin.pdf


Siehe Birgit Reißig „Soziale Kompetenzen sichtbar machen und für den Ausbildungs- und Berufsweg nutzen“ https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs/225_7015_WT_2_2007_reissig.pdf

  

Dienstag, 3. Juni 2025

Zum Glück gibt's Budo - über die glücksbringenden Aspekte japanischer Kampfkünste

„Karate reicht nur für ein kleines Glück!“ – Dieses Zitat meines hoch geschätzten Senseis Risto Kiiskilä war für mich viele Jahre lang Gesetz! Ich hatte für mich daraus die Tatsache abgeleitet, dass es keine schnellen Erfolge gibt, dass ich nie „gut genug“ war, es „immer etwas zu meckern/korrigieren“ gab, ich immer an mir arbeiten muss. Mit Sicherheit hat dieser Glaubenssatz meine Erwartungshaltung geprägt/gedämpft und meine Willenskraft gestärkt! Viele Jahre lang habe ich so gelebt, geübt, gezweifelt. Auf dem Karate-Weg balancierte ich auf einem schmalen Grat zwischen Faszination und Frustration. Dass mich Karate „glücklich“ gemacht hätte? Diese Formulierung hätte ich doch irgendwie unpassend gefunden. Nun gut – Risto sprach ja auch von einem „kleinen Glück“ – aber selbst das ….. Immerhin: Ich habe auf meinem Karate Do viele nette Menschen kennen gelernt und gelegentlich gab es Trainings, in denen ich das „Flow-Feeling“ erleben durfte. Meistens war Karate jedoch „Blood, Sweat @ Tears“ …. Wie habe ich es und haben es bisher so viele Menschen geschafft, so lange auf dem Weg zu bleiben. Steckt vielleicht doch noch mehr „Glück“ im Karate? 

 

Was ist denn überhaupt „Glück“? – In der Glücksforschung (eine Unterform der Positiven Psychologie) gibt es verschiedene Definitionen von Glück. Ich finde diese Dreiteilung sehr gut nachvollziehbar: 


Drei Arten von Glück

  •  Zufallsglück: Das ist das Glücksgefühl, das wir empfinden, wenn wir z.B. auf der Straße  einen 20-Euro-Schein finden! Oder wenn wir uns an einer langen Schlange an einer Supermarkt-Kasse angestellt haben und plötzlich wird eine weitere Kasse geöffnet, zu der wir schnell wechseln können, um dann sofort dranzukommen.
  • Dann gibt es das allgemeine Glücksgefühl, wenn wir z.B. ein entspannendes Wannenbad genießen, am Strand in der Sonne liegen und ein Buch lesen, einen schönen Sonnenuntergang bewundern.
  • Und schließlich gibt es noch das Glück durch erlebten Erfolg, erlebte persönliche Weiterentwicklung.  

Zufallsglück können wir im Karate empfinden, wenn uns darüber freuen, dass uns ein zu uns passender Übungspartner/eine passende Übungspartnerin zugeordnet wird. Oder es wird zufällig eine Kata unterrichtet, die uns besonders gut gefällt. 

 

Das allgemeine Glücksgefühl kann sich situativ einstellen, während wir eine Lieblings-Kata ausführen - vielleicht sogar synchron mit Karate-Freund*innen - oder wenn wir in einem Kumite-Drill in die Flow-Phase gelangen und alles um uns herum vergessen!

 

Das Glück durch erlebten Erfolg ist das einzige Glück, das wir selbst beeinflussen können. Es stellt sich z.B. ein, wenn wir eine Gürtelprüfung, auf die wir uns schon lange vorbereitet haben, bestehen, wenn uns eine Kata oder Technik, an der wir schon fast verzweifelt waren, endlich gelingt - oder wenn wir einen Wettkampftitel gewonnen haben.

 

Glücksmomente durch Zufall, schöne Situationen oder erlangte Erfolge sind jedoch oftmals flüchtig, schnell vergänglich. Um aus Glücksmomenten dieser Art langfristig Glück oder Zufriedenheit zu schöpfen, müssten sich diese Momente regelmäßig wiederholen – möglichst in überschaubaren Abständen. Wir wissen aber alle, dass der Zufall uns nicht immer hold ist, dass wir uns Trainingspartner*innen und die „Kata des Tages“ nur selten aussuchen können und dass es viele Monate – wenn nicht Jahre bis zur nächsten Gürtelprüfung dauern kann. Einige Budoka versuchen, ihre Motivation durch einen Graduierungs-Marathon aufrecht zu erhalten oder jagen von Wettkampf zu Wettkampf. Sind dies die einzigen beiden Glücksquellen im Budo, so endet die Kampfkunst-Karriere oftmals nach Erreichen des „Schwarzen Gürtels“ oder nach Ende der Wettkampfkarriere. 

 

Ist dies der Grund, warum so viele Karateka bereits nach kurzer Zeit oder nach einigen Monaten, Jahren mit unserer Kampfkunst aufhören? Und: Kann es noch andere Aspekte geben, die uns im Karate nachhaltig beglücken? Wie können wir mittel- bis langfristig Glück und Zufriedenheit aus unserem Karatedo oder Budo ziehen? 

 

Budo müsste dann noch an anderer Stelle ansetzen – vielleicht an einer Stelle, die mit den Tugenden und Werten der Kampfkunst zusammenhängt? 

 

Auch hier habe ich in der Literatur gestöbert und bin auf den US-amerikanischen Psychologen Martin Seligmann gestoßen. Während die Freude über Wettkampferfolge, über erlangte Medaillen und Pokale oder auch einen gefundenen 20-Euro-Schein oder ein Wannenbad schnell verblasst, gibt es nach Seligmann sechs Tugenden, die langfristig für Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden sorgen. Es sind die Tugenden 

 

-              Weisheit

-              Mut

-              Menschlichkeit

-              Gerechtigkeit

-              Mäßigung und

-              Transzendenz

 

Interessanterweise bezieht sich Seligmann unter anderem sogar wörtlich auf den Ehrenkodex der Samurai, den "Bushido"! In wieweit können wir die oben aufgeführten Tugenden also durch unser Karatedo leben? 


Wer sich intensiv mit einer Kampfkunst und auch den kulturellen Hintergründen beschäftigt, wird zwangsläufig sein Wissen erweitern und auf Dauer so etwas wie Weisheit erlangen. Der Wissenszuwachs ist bereits zu Beginn einer Kampfkunstlaufbahn enorm. Je mehr man sich dann nach und nach auch mit kulturellen und spirituellen Hintergründen beschäftigt oder auch mit der Didaktik und Methodik der Wissensvermittelt, desto intensiver kann sich die Identifikation mit der Kampfkunst und die Zufriedenheit einstellen. 

 

Zum Mut: Allein mit einer Kampfkunst zu beginnen, erfordert schon Mut! Seligmann sieht aber auch Attribute wie Beständigkeit, Integrität, Vitalität und Begeisterung unter dem Mut-Aspekt – das passt für mich, die inzwischen 40 Jahre Kampfkunst betreibt, sehr gut zum Budo. Denn „der Weg ist ja das Ziel“ und der Weg endet erst mit dem Tod. Also ist Beständigkeit gefragt und man muss sich selbst immer wieder neu für Budo begeistern. Beständigkeit bedeutet auch, dass wir unsere Routinen regelmäßig üben, so dass wir beim Üben in einen Flow kommen und sich durch lang erarbeitete Trainingsroutine eine genussvolle Leichtigkeit ergibt.


Unter den Begriff der Menschlichkeit fallen nach Seligmann Verbindlichkeit, Loyalität und soziale Intelligenz – diese Tugenden werden vor allem durch das Erleben der Dojo-Gemeinschaft, durch die Regeln, Rollen, Rituale und Routinen im Budo gefördert. Diese fördern bestenfalls auch die Gerechtigkeit, unter der  Seligmann Fairness und Verantwortung  versteht. Werte, die bei gelebtem Budo auch in den Alltag getragen werden. 

 

Mäßigung bedeutet Vergebung, Dankbarkeit, Demut und Selbstkontrolle – Tugenden, die vor allem über den Zen-Aspekt, das spirituelle Wesensmerkmal des Budo, vermittelt werden. Hier kann bereits im Kindertraining angesetzt werden, indem die Kinder lernen, ihre spontanen Impulse zu steuern, trotz Durst mit dem Trinken bis zum Ende des Trainings zu warten, ihre Müdigkeit und Erschöpfung überwinden etc. Impulskontrolle ist letztlich die Voraussetzung für den Kern des Budo: das innere Schwert stoppen zu können, auf Provokationen nicht eingehen zu müssen, Kämpfen vermeiden zu können. 

 

Unter Transzendenz versteht Seligmann das Streben nach Exzellenz, aber auch Hoffnung, Humor und auch Spiritualität – alles Komponenten, die wir ebenfalls im Budo erleben können - vor allem, wenn wir uns einer starken Gemeinschaft befinden. 

 

Wenn wir unser Leben nach diesen Tugenden ausrichten, gelangen wir nach Seligmann zu tiefer und dauerhaft anhaltender Zufriedenheit und zu Lebensglück. 

 

Tugenden zu leben klingt leider heutzutage etwas altbacken und „aus der Mode gekommen“. Sich intensiv mit Budo zu beschäftigen, öffnet aber in Zeiten, in denen Egoismus, Hate-Speech und Beleidigungen an der Tagesordnung zu sein scheinen, einen Weg, Tugenden zu er-leben. 




Quelle: Martin E.P. Seligmann "Der Glücksfaktor - warum Optimisten länger leben" 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Montag, 2. Juni 2025

JKA-Standardisierung beim KATA-Spezial 2025 - es geht nicht nur um KATA ....


KATA Spezial 2025 transportiert JKA-Standards

Das KATA-Spezial 2025 stand unter dem Stern der JKA-Standardisierung. Im DJKB wurde mit Rücksicht auf unseren SHIHAN Ochi bisher weitgehend auf die Umsetzung der aktuellen JKA-Standards verzichtet. Dies ist einerseits nachvollziehbar - andererseits bedauerlich und oftmals auch verwirrend. Denn speziell die auf unseren Großveranstaltungen eingeladenen JKA-Instrucor*innen vermitteln bereits seit vielen Jahren KARATE im Rahmen der JKA-Standardisierung. Werden auf Lehrgängen konkrete Details erklärt, sorgt dies zuweilen für Widerspruch oder Unverständnis. Ich erinnere mich an ein Ereignis beim GASSHUKU 2016 in Konstanz: Hirayama SENSEI erklärte die BASSAI DAI mit einer extra Zählzeit beim KOSHI GAMAE vor dem ersten YAMA TSUKI. Es kam die Frage aus der Riege der Trainierenden: "Seit wann wird dass denn so gemacht?" - Hirayama SENSEI reagierte irritiert: "Schon immer!" (fairerweise muss man sagen, dass selbst Ochi SENSEI diese Extra-Zählzeit berücksichtigt). 

KATA richtig zählen

Jede KATA hat also eine festgelegte Anzahl gezählter Bewegungen und jeder Bewegung ist eine bestimmte Zählzeit zugeordnet. Die Trainings beim Czech GASSHUKU sind durchgehend an den JKA-Vorgaben orientiert. Daher haben wir in der Schwarzgurt-Trainingsgruppe dort bereits intensiv geübt, verschiedene KATA entsprechend der Vorgaben zu zählen. Man zählt dabei die Bewegungen von eins bis zehn und beginnt dann wieder bei eins. Die KATA HEIAN SHODAN umfasst auf diese Weise 21 Zählzeiten, HEIAN NIDAN  26, HEIAN SANDAN 20, ... BASSAI DAI 42 ... CHINTE 32 und so weiter. Auch die Positionen der KIAI müssen dann natürlich auf bestimmten Zählzeiten liegen - bei HEIAN SHODAN beispielsweise immer genau auf 9 und 17. All das sind keine neuen "Erfindungen" und nicht einer "Mode" geschuldet - werden im DJKB aber selten angewandt. Richtig "neu" ist dieser Standard jedoch nicht: Ich erinnere mich an einen Lehrgang mit Shirai SHIHAN in 2011, den Torsten und ich in Braunschweig besucht hatten. Dort hieß es plötzlich: "So, nun BUNKAI GOJUSHIHOSHO - Techniken 28 bis 34." Alle Shirai-Schüler*innen legten fleißig los, während Torsten und mir die KATA-Zählweise damals noch komplett unbekannt war und mit großen Fragezeichen im Kopf wie dumm da standen! Das war für uns eine ganz neue Trainingswelt. 

KIAI können wandern oder entfallen

Ein KARATEKA aus einem anderen Münsteraner Dojo äußerte sich in einer Trainingspause des diesjährigen GASSHUKU irritiert über die Verschiebung der KIAI in der Kata CHINTE, auf die Toribio Sensei hingewiesen hatte. Tatsächlich hat Toribio Sensei die neuen Standars ausführlich erklärt und auch die standardisierte Zählweise berücksichtigt. Um die Akzeptanz der Standards zu erhöhen, macht es Sinn, möglichst auch noch die Hintergründe der Änderungen zu nennen. Das Aufheben des ersten KIAI bei der CHINTE an der ursprünglichen Stelle geschah meines Wissens nach, weil die Technik nur über eine sehr kurze KIME-Phase verfügt, da sofort danach eine 180-Grad-Wendung erfolgt. Ähnlich verlief es bei der KATA MEIKYO, die aktuell nur noch über ein KIAI verfügt. 

Es geht nicht nur um KATA

Aber es geht nicht nur um KATA-Feinheiten: Auch die Art Ausführung der einzelnen Techniken ist von der JKA vorgegeben. Die Ausholbewegung zum MANJI UKE wird beispielsweise  seit vielen Jahren so unterrichtet, dass sie mit geöffneten Handflächen erfolgt. KATA sind kein Selbstzweck, sondern eine Trainingsmethode, durch die wir Techniken wiederholt üben und durch die sich eine Routine einschleifen soll. MANJI UKE wird daher selbstverständlich nicht nur in KATA so ausgeführt, sondern auch im normalen KIHON Training. Und es muss bereits 2012 gewesen sein, als Ogata SENSEI auf dem GASSHUKU in Konstanz erklärte, das hintere Bein müsse im ZENKUTSU DACHI bei der Hüft-Stellung "HANMI" leicht gebeugt sein - und nicht grade durchgestreckt. Inzwischen ist die durch die leichte Bein-Beugung erzeugte Vorspannung bei der HANMI-Poisiton  allseits bekannt. 

Auch bestimmte Bewegungsmuster wie "Vorgehen ohne Stoppen am Standbein" oder Ausweichen mit "Belasten und Benutzen" - die z.B. auch Risto Kiiskilä seit vielen Jahren vermittelt, gehören zum JKA-Standard. Es geht im KARATE ja nicht nur darum, irgendwann in einer bestimmten Position zu "stehen" (z.B. ZENKUTSU DACHI mit AGE UKE) - mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie man in diese Position gelangt, wie man sich allgemein bewegt. 

Irrtümer durch traditionelle BUDO-Lehrweise und Übersetzungsfehler

Aber wie kann das kommen, dass die Regeln der JKA (noch) nicht weltweit gelten? Zunächst mag vielen Dojo-Leitenden die direkte Anbindung zum JKA-Headquater fehlen. KARATE-Fortbildungen in Japan sind kostspielig und zeitaufwändig, so dass es auch für die meisten DOJO-SENSEI ein Traum bleiben wird, direkt an der Quelle unseres KARATE-Wissens zu lernen. Zudem basierte das traditionelle BUDO-Training jahrhundertelang auf "Zusehen und Nachmachen". Dass Techniken, Bewegungsmuster, Hintergründe konkret erklärt wurden - selbst dass ein Nachfragen im Unterricht erlaubt wäre - das gehört erst seit wenigen Jahren zu den Unterrichtsmethoden asiatischer Kampfkünste. Die JKA-Instructor-Ausbildung hat sich hier in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich modernisiert, so dass nun auch im KARATE nach aus unserer Sicht "modernen" Lehrmethoden unterrichtet wird. Wenn es in der Vergangenheit mündliche Erklärungen gab, so waren diese zum Teil sehr vereinfacht und führten vielleicht auch durch unsere mangelnden Japanisch-Kenntnisse oder Übersetzungsfehler zu Missverständnissen. So möchte ich nicht ausschließen, dass man früher bei der Beschreibung des ZENKUTSU-DACHI gesagt hat: "Das vordere Bein ist gebeugt und das hintere Bein ist (im Vergleich zur starken Beugung des vorderen Beins) eher grade." Dass es trotzdem nicht im Gelenk ganz durchgestreckt sein sollte, war vermutlich erstmal nicht so wichtig und sollte dann eben durch "Nachmachen" erkannt werden. 

Wichtige Zeitenwende im DJKB

Für uns KARATEKA des DJKB ist es nun an der Zeit, die JKA-Standards zu übernehmen. Ochi SENSEI hat sich damit einverstanden erklärt. Auf dem Kata Spezial haben in unserer Trainingsgruppe neben Ogura SHIHAN vor allem Thomas Schulze SENSEI und Toribio Osterkamp SENSEI diesen Transfer gut umgesetzt. SENSEI Jean-Pierre Fischer vermittelt viele der Standards bereits seit ich ihn kenne. Die KYU-Grade werden mit dem Wandel groß. Es fällt eher uns langjährigen KARATEKA schwer, uns umzustellen. Gleichwohl ist die geistige Flexibilität wichtig und wegweisend. Denn künftig werden zunächst die DAN-Prüfungen nach JKA-Vorgaben durchgeführt und wer die Umstellung verschlafen hat, wird zwangsläufig erneut antreten müssen. Auch auf Wettkämpfen wird sich durch eine engere Anbindung des DJKB an die JKA ein Erfolg künftig nur noch einstellen, wenn die internationalen Standards vermittelt wurden. Bei den internationalen Wettkämpfen ist dieser Wechsel bereits vollzogen und auch bei größeren nationalen Wettkämpfen wird die Umstellung unumgänglich sein. Last but not least sind wir weltweit eine große JKA-KARATE-Familie! Und wer bei japanischen Instructoren oder auch in fremden Ländern weltweit trainieren möchte, sollte nicht nur die japanischen Fachbegriffe für verschiedene Techniken beherrschen, sondern auch die übrigen Standards unseres JKA-KARATE. Tradition zu leben bedeutet bekanntlich nicht, jegliche nützliche Modernisierung zu verweigern. 

Das Vermächtnis SHIHAN Ochis

Es äußern sich noch immer einige Stimmen kritisch, man würde das Vermächtnis SHIHAN Ochis entehren, wenn man nun die Neuheiten mitmachte. Meiner Ansicht nach ist dies ein Trugschluss - und vielleicht auch eine kleine Ausrede, warum man sich nicht mit neuem KARATE-Wissen beschäftigen möchte? Das Lebenswerk SHIHAN Ochis besteht nicht in der Art der Ausführung einzelner Techniken oder seiner Art, Kata zu zählen. Sein Vermächtnis an uns und sein unendlich großer Verdienst ist es, einen der größten (wenn nicht DEN größten) JKA-Verband der Welt aufgebaut und diesen durch die Kraft seiner Persönlichkeit über Jahrzehnte hinweg zusammengehalten zu haben. Wenn es unser Anliegen sein sollte, Ochi SENSEI weiterhin und auch zukünftig zu ehren, dann sollten wir uns als große DJKB-Gemeinschaft auf die für uns neuen Pfade begeben und mit der weltweiten JKA-Familie zusammenwachsen. 

PS: Anbei der Link auf das JKA Instructor Manual in dem sich auf den Seiten 15 und 16 die Kata mit ihren vorgegebenen Zählzeiten befinden :-)



Montag, 10. Juni 2024

Mit Budo an körperliche und mentale Grenzen stoßen - verschärfte Trainingsmethoden des Budo

Budo-Kampfkünste sollen neben dem Körper auch mentale Kräfte stärken und hier vor allem die Willenskraft. Japanische Budo-Meister hatten sich in der Vergangenheit hierzu spezielle Verschärfungen der Übungsmethoden (Tokubetsu-geiko) erdacht, die zum Teil an bestimmte Jahreszeiten gebunden waren – und die teilweise in traditionell ausgerichteten Dojos auch heute noch praktiziert werden. 

 

Tokubetsu-geiko (Spezialtrainings im Budo)

  • Auch Jigoku-geiko („höllisches Training“)
  • Spezielles Training in den traditionellen Kampfkünsten
  • Trainings müssen bei extremen Witterungsbedingungen abgehalten werden 
  • Oder die Übungen müssen besonders schwierig sein, um bestimmte Wirkungen zu erzielen
  • Dabei kann z.B. Kampf mit gefesselten Händen oder verbundenen Augen gefordert werden


Kan-geiko

  • Kan= Winter
  • Keiko=Übung
  • Kan-geiko daher: Wintertraining, Training bei extremer Kälte und/oder Dunkelheit
  • Auch: Kan-shugyo
  • Von Kano Jigoro 1884 im Judo eingeführt 
  • Findet immer ab dem 6. Januar in der kältesten Zeit eines Jahres statt 
  • Dauert einen Monat lang
  • Ursprünglich fand das Training immer von 05.00 Uhr bis 07.00 Uhr morgens statt, wobei alle Fenster des Dojos geöffnet waren. 
  • Ziel des Intensivtrainings ist es, den Körper so zu konditionieren, dass er auch unter extremen Bedingungen effektiv bleibt

 

Shochu-geiko

  • Auch Natsu-geiko oder Doyo-geiko
  • Sommertraining
  • von Kano Jigoro im Jahr 1896 eingeführt
  • findet immer ab dem 15.07. eines Jahres statt
  • dauert einen Monat lang
  • trainiert wird zu den heißesten Stunden des Tages 


Keiko Osame 

  • das letzte Training eines Jahres
  • Osame eigentlich „Rückführung“ (Habersetzer)
  • In der Enzyklopädie Habersetzers findet sich der Begriff Keiko Osame nicht. Er wird aber offenbar allgemein für das Jahresabschlusstraining benutzt. 

 

 

Seigan-tachigiri-geiko

  • aus dem Kenjutsu
  • Trainingsmethode, die Yamaoka Tesshu (1836-1888) in seinem Dojo Shumpukan entwickelte, um die Schüler bis an ihre äußersten Grenzen zu treiben (er nahm ihnen den Eid ab, bis zum Äußersten zu gehen und dabei den Tod in Kauf zu nehmen)
  • Es gab drei Grade beim Seigan
    •    Erster Grad: An einem Tag 200 Schwertkämpfe zu vollführen
    •   Zweiter Grad: 200 Kämpfe pro Tag an drei aufeinanderfolgenden Tagen 
    • Dritter Grad: 200 Kämpfe pro Tag an sieben aufeinanderfolgenden Tagen auszuführen 
  • Damit wurde das Menkyo-kaiden errungen (höchster Schülertitel eines Uchi Deshi in einer klassischen Kampfkunst) 

 

 

Ergänzende Grundlagenbegriffe:

 

Keiko/Geiko: Übung im Budo; das zuvor Erreichte (ko) überschreiten (kei)

 

Renshu:

  • Einfaches Training der Technik
  • Ohne spirituelle Tiefe
  • Modernes Japanisch: toreningu statt renshu (abgeleitet von dem englischen Begriff Training)

Keikoba

  • Trainingsstätte, die nicht unbedingt die spirituellen Dimensionen eines Dojos beinhaltet
  • Kann sich im Inneren eines Gebäudes oder auch im Freien befinden. 

 


Quelle: Enzyklopädie der Kampfkünste des Fernen Ostens, Gabriele und Roland Habersetzer, Palisander Verlag, 2019